Aggressiv, abweisend, unmotiviert, kaum erreichbar: Im Berufsalltag begegnen Fachkräfte immer wieder Verhaltensweisen, die schwer einzuordnen sind. Besonders herausfordernd wird es, wenn bewährte Gesprächsstrategien nicht weiterhelfen oder Reaktionen unverhältnismäßig stark erscheinen.
Die Traumapädagogik bietet dafür eine besondere Perspektive. Eine ihrer zentralen Annahmen lautet: Verhalten hat einen guten Grund.
Was bedeutet der "gute Grund" in der Traumapädagogik?
Mit einem "guten Grund" ist nicht gemeint, dass jedes Verhalten gut oder akzeptabel ist. Aggressionen, Grenzüberschreitungen oder andere problematische Verhaltensweisen müssen deshalb nicht hingenommen werden.
Die Frage richtet den Blick deshalb zunächst darauf, was ein Mensch mit seinem Verhalten möglicherweise gerade zu bewältigen versucht.
Ein Beispiel: Eine Person reagiert auf eine eigentlich sachliche Rückmeldung plötzlich sehr heftig. Sie wird laut, bricht das Gespräch ab oder zieht sich vollständig zurück. Von außen kann das schnell wie Überreaktion, Unhöflichkeit oder mangelnde Kooperationsbereitschaft wirken.
Für einen Menschen mit belastenden oder traumatischen Erfahrungen kann eine Situation jedoch etwas anderes auslösen. Kritik kann beispielsweise als Bedrohung erlebt werden, Nähe kann Unsicherheit hervorrufen und der Verlust von Kontrolle kann starken Stress verursachen. Rückzug, Abwehr oder der Versuch, eine Situation selbst zu kontrollieren, können dann Strategien sein, mit dieser Belastung umzugehen.
Diese Perspektive kann einen entscheidenden Unterschied machen: Statt ausschließlich zu fragen "Warum verhält sich jemand so schwierig?" lässt sich auch fragen: "Was könnte dazu führen, dass dieses Verhalten für die Person gerade Sinn ergibt?"
Verstehen heißt nicht entschuldigen
Traumasensibles Arbeiten bedeutet weder, hinter jedem schwierigen Verhalten ein Trauma zu vermuten, noch Traumata zu diagnostizieren.
Es geht auch nicht darum, therapeutische Aufgaben zu übernehmen.
Traumasensibles Wissen kann Fachkräften vielmehr helfen, mögliche Traumafolgen besser einzuordnen, eigene Reaktionen zu reflektieren und angemessen mit belastenden Situationen umzugehen. Dazu gehört auch, die Grenzen der eigenen professionellen Rolle zu kennen und auf die eigene Stabilität und Selbstfürsorge zu achten.
Ist Traumapädagogik nur für die Arbeit mit Kindern gedacht?
Der Begriff lässt zunächst daran denken, und das hat einen guten Grund: Die Traumapädagogik hat ihre Wurzeln insbesondere in der Kinder und Jugendhilfe.
Viele ihrer Erkenntnisse und Haltungen sind jedoch auch für die Arbeit mit Erwachsenen relevant. Hier wird häufig allgemeiner von traumasensiblem Arbeiten gesprochen. Denn traumatische Erfahrungen und ihre möglichen Folgen enden nicht mit dem Erwachsenenalter.
Wissen über Traumafolgen, Stressreaktionen, Stabilisierung oder einen professionellen Umgang mit Nähe, Distanz und Grenzen kann deshalb auch in Arbeitsfeldern hilfreich sein, in denen Erwachsene beraten, begleitet, betreut oder qualifiziert werden. Dazu können beispielsweise Beratung, Erwachsenenbildung, Arbeitsvermittlung, Eingliederungshilfe, Krisenintervention oder Justizvollzug gehören.
Entscheidend ist dabei nicht, aus jedem dieser Arbeitsfelder ein "traumapädagogisches Arbeitsfeld" zu machen.
Die Frage ist vielmehr: Arbeite ich regelmäßig mit Menschen in belastenden Situationen und brauche ich mehr Wissen und Handlungssicherheit im Umgang mit Reaktionen, die ich zunächst nur schwer einordnen kann?
Traumapädagogik berufsbegleitend lernen
In der berufsbegleitenden Weiterbildung "Traumazentrierte Fachberatung mit Schwerpunkt Traumapädagogik" vermitteln wir traumapädagogisches und traumasensibles Wissen für den Berufsalltag.
Die Weiterbildung verbindet Grundlagen der Psychotraumatologie und Traumapädagogik mit konkreter beruflicher Praxis. Zu den Themen gehören unter anderem Traumafolgen, die "Pädagogik des guten Grundes", Bindungsdynamiken und Resilienz, Stabilisierung, traumasensible Beziehungsgestaltung sowie die Reflexion der eigenen professionellen Rolle.
Die Weiterbildung umfasst sieben Weiterbildungsblöcke und begleitende Supervisionsabende. Fallarbeit, Übungen und Reflexion ermöglichen es, die Inhalte auf das eigene berufliche Arbeitsfeld zu übertragen.
Die Inhalte basieren auf dem Curriculum der Deutschen Gesellschaft für Psychotraumatologie (DeGPT) und des Fachverbands Traumapädagogik e. V.