Wo endet meine Verantwortung und wo beginnt die der anderen?
Es gibt Menschen, auf die man sich verlassen kann.
Sie sehen, was getan werden muss. Sie übernehmen Verantwortung, halten Dinge zusammen und spüren früh, wenn etwas im Team nicht gut läuft.
Gerade Führungskräfte, Coaches und Berater*innen kennen diese Haltung. Auch in Teams gibt es häufig Menschen, die mitdenken, einspringen und sich kümmern, wenn etwas liegen bleibt.
Doch aus einer Stärke kann eine Überlastung werden.
Dann übernehmen wir zunehmend Dinge, die über unsere eigentliche Rolle oder Zuständigkeit hinausgehen.

Doch was geschieht, wenn wir Verantwortung übernehmen, die eigentlich gar nicht unsere ist?
Wer trägt welche Verantwortung?
Eine systemische Perspektive betrachtet Menschen immer als Teil von Systemen und ihren Beziehungen.
Dabei stellt sich auch die Frage: Wer trägt welche Verantwortung und was gehört zu wessen Rolle?
Gerät diese Ordnung aus dem Gleichgewicht, kann es geschehen, dass Menschen Aufgaben und Verantwortung übernehmen, die eigentlich nicht zu ihrer Rolle gehören.
Ein Mitarbeiter im Team versucht, fehlende Führung auszugleichen.
Eine Führungskraft versucht, den Konflikt zweier Mitarbeitender selbst zu lösen.
Ein Coach übernimmt zunehmend die Verantwortung für die Veränderung seines Klienten.
Oder ein Teammitglied fühlt sich für die Stimmung des gesamten Teams zuständig.
Oft geschieht dies aus Verbundenheit, Loyalität oder dem Wunsch, dass das System funktioniert. Manchmal erscheint es auch schlicht einfacher, etwas selbst zu erledigen, als abzuwarten oder auszuhalten, dass ein anderer Mensch es anders macht.
Und manchmal hat dieses Verantwortungsgefühl eine längere Geschichte.
Wenn Verantwortung schon früh zu viel wird
Die Tendenz, viel Verantwortung für andere zu übernehmen, kann ihre Wurzeln bereits in frühen Beziehungserfahrungen haben.
Manche Kinder übernehmen innerhalb ihrer Familie schon früh Aufgaben, die eigentlich bei Erwachsenen liegen. Sie kümmern sich beispielsweise um jüngere Geschwister, versuchen einen Elternteil zu entlasten, vermitteln bei Konflikten oder haben früh das Gefühl, stark und vernünftig sein zu müssen.
In der systemischen Familientherapie wird eine solche Verschiebung von Rolle und Verantwortung unter anderem als Parentifizierung bezeichnet: Ein Kind übernimmt dabei Aufgaben oder Verantwortung, die eigentlich den Eltern zukommen.
Eine solche Verantwortung kann für ein Kind überfordernd sein. Die eigenen Bedürfnisse geraten dabei leicht aus dem Blick.
Gleichzeitig kann dieses Verhalten sehr wohl Anerkennung bringen. Das Kind erfährt Zuwendung und vielleicht auch Bewunderung dafür, wie „vernünftig“, „stark“ oder „hilfreich“ es ist.
So kann ein widersprüchliches Muster entstehen:
Die Verantwortung ist zu viel und gleichzeitig gibt sie dem Kind das Gefühl, gebraucht und wertvoll zu sein.
Das Kind lernt möglicherweise: Wenn ich mich kümmere, wenn ich stark bin, wenn ich Verantwortung übernehme, bekomme ich Anerkennung und werde gebraucht.
Was in der Kindheit einmal eine sinnvolle Anpassung an die familiäre Situation war, kann später zu einem vertrauten Muster werden. Auch als Erwachsene übernehmen Menschen dann möglicherweise schnell Verantwortung für andere oder haben Schwierigkeiten, etwas abzugeben.
Natürlich muss hinter einem solchen Verhalten keine frühe Erfahrung stehen. Auch Erwartungen im Beruf, Rollen im Team, Loyalität oder Gewohnheiten können dazu führen, dass wir Verantwortung übernehmen, die eigentlich nicht bei uns liegt.
Die entscheidende Frage im Erwachsenenleben kann dann sein:
Was gehört heute wirklich zu mir und wofür fühle ich mich verantwortlich, obwohl es vielleicht gar nicht meine Verantwortung ist?
Woran merke ich, dass ich vielleicht zu viel Verantwortung übernehme?
Das ist nicht immer leicht zu erkennen. Denn Verantwortung zu übernehmen, wird häufig positiv erlebt und auch von anderen positiv bewertet.
Vielleicht erledige ich etwas lieber selbst, weil es dann schneller geht.
Vielleicht springe ich ein, bevor jemand überhaupt um Hilfe gebeten hat.
Vielleicht erinnere ich andere an Aufgaben, für die sie selbst zuständig sind.
Vielleicht versuche ich, einen Konflikt zwischen zwei Menschen zu lösen, weil ich die Spannung nur schwer aushalte.
Oder ich kontrolliere noch einmal, weil ich nicht sicher bin, ob der andere es wirklich schafft.
Manchmal merken wir sehr früh, wenn die Stimmung in einer Gruppe kippt, und fühlen uns sofort dafür zuständig, etwas daran zu ändern.
Es kann deshalb interessant sein, die Frage einmal umzudrehen:
Was geschieht in mir, wenn ich die Verantwortung beim anderen lasse?
Werde ich unruhig?
Habe ich Sorge, jemanden zu enttäuschen?
Denke ich, dass es sonst niemand macht?
Fällt es mir schwer auszuhalten, dass jemand etwas anders macht als ich?
Oder gibt es mir vielleicht auch ein gutes Gefühl, gebraucht zu werden?
Sich verantwortlich zu fühlen und tatsächlich verantwortlich zu sein, ist nicht immer dasselbe.

Verantwortung zurück an ihren Platz
Womöglich ist deshalb eine der wichtigsten systemischen Fragen:
Was ist mein Anteil und was gehört zum anderen?
Eine Führungskraft kann Orientierung geben, Entscheidungen treffen und einen Rahmen schaffen. Sie kann aber nicht jede Entscheidung ihrer Mitarbeitenden übernehmen oder jeden Konflikt für sie lösen.
Ein Coach oder eine Beraterin kann einen Veränderungsprozess begleiten und trägt Verantwortung für die eigene professionelle Rolle. Die Veränderung selbst kann sie dem anderen nicht abnehmen.
Ein Teammitglied trägt Verantwortung für das eigene Verhalten und den eigenen Beitrag zur Zusammenarbeit. Es ist damit jedoch nicht automatisch für die Stimmung des gesamten Teams verantwortlich.
Verantwortung abzugeben bedeutet nicht, weniger engagiert zu sein. Es kann bedeuten, anderen ihre Verantwortung und die Fähigkeit zuzutrauen, sie selbst zu tragen.
Darin liegt auch ein ressourcenorientierter Blick auf Menschen. Wir können unterstützen, begleiten und einen Rahmen schaffen und gleichzeitig darauf vertrauen, dass andere Menschen eigene Fähigkeiten, Erfahrungen und Möglichkeiten mitbringen.
Wenn Verantwortung wieder dorthin kommt, wo sie hingehört, kann Entlastung entstehen.
Menschen können ihre eigene Rolle einnehmen und die Verantwortung tragen, die tatsächlich bei ihnen liegt.
Systemisch denken. Klarer handeln.
Die Frage nach Verantwortung begegnet uns in vielen Bereichen unseres Lebens. In persönlichen Beziehungen ebenso wie im beruflichen Alltag, in Teams und Führung oder in Beratung und Coaching.
Systemisch betrachtet, bedeutet es dabei auch, den eigenen Anteil zu erkennen und Verantwortung dort zu lassen, wo sie hingehört.
Es geht darum, zu erkennen, welche Verantwortung wirklich die eigene ist und darauf zu vertrauen, dass auch im System bereits Kräfte und Ressourcen vorhanden sind, die ihren eigenen Weg finden können.
Thich Nhat Hanh schrieb über das Loslassen:
„Letting go gives us freedom, and freedom is the only condition for happiness.“
Aus systemischer Perspektive lässt sich dieser Gedanke für unser Thema weiterführen:
Loslassen bedeutet nicht, Verantwortung aufzugeben.
Es kann auch bedeuten, Verantwortung dort zu lassen, wo sie hingehört.
_______________________________________________________________________________________________________________________________
Thich Nhat Hanh schrieb über das Loslassen:
„Letting go gives us freedom, and freedom is the only condition for happiness.“
Aus systemischer Perspektive lässt sich dieser Gedanke für unser Thema weiterführen:
Loslassen bedeutet nicht, Verantwortung aufzugeben.
Es kann auch bedeuten, Verantwortung dort zu lassen, wo sie hingehört.
_______________________________________________________________________________________________________________________________
Über den Autor

Markus Bundschuh ist Diplom-Organisationspsychologe, Psychotherapeut (HeilprG) und Weiterbildungsleiter im Bereich Systemische Beratung, Coaching und Pädagogik bei der GIS-Akademie. Als Dozent begleitet er unter anderem unsere Weiterbildung Systemische Beratung.
In seiner Arbeit beschäftigt er sich mit der Frage, wie Beziehungen, Rollen und biografische Erfahrungen unser Handeln prägen und welche neuen Perspektiven ein systemischer Blick darauf eröffnen kann.